CH-ordonnanz-gurte / ceinturon

Ob Tunika, Topfhelm oder Brogans, hier wird es gezeigt und diskutiert.

Moderator: troupier suisse

CH-ordonnanz-gurte / ceinturon

Beitragvon amos am Mo 22 Okt, 2007 16:30

grüezi!

bin neu hier, komme aus münchen und sammle leidenschaftlich armeekoppel -
(in der schweiz nennt ihr das, glaube ich, ceinturon)
- beginnend von 1914 bis heute - und noch dazu bin ich ein großer freund der schweizer armee.

das interessante an armeegurten ist immer der verschluss, auf dem verschiedene, manachmal wunderschöne motive sind. bisher habe ich die schweizer da eher fantasielos erlebt, meist sah ich einen simplen braunen gurt mit einem ganz normalen verschluss. es gab da noch die gala-offiziersgurte aus stoff mit messingverschlüssen mit schweizerkreuz, manchmal ein- manchmal zweiteilig.
doch ich habe festgestellt das diese eintönigkeit erst ab etwa 1890 anfing, vorher muss es eine vielzahl von verschiedenen varianten dieser gurte mit unterschiedlichsten schlössern, je nach truppengattung und dienstgrad, gegeben haben.

und da ich auch nach intensivem lesen im forum und im internet auf nichts diesbezügliches gestoßen bin, und ich denke das es auch euch interessieren könnte, bin ich so frei und möchte ich euch fragen was ihr dazu wisst.

mit freundlichem gruße, amos
p.s.: hier habe ich 2 bilder, in denen solche ungewöhnlichen gurte erkennbar sind:
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amos



Beitragvon troupier suisse am Mo 22 Okt, 2007 17:44

Das Foto oben zeigt keinen Militärgurt sondern eine Kadettenausführung. Das historische Foto zeigt den Offiziersgurt der Ordonnanz 1852/61. Anbei eine Abhandlung zum Ceinturon die einmal für einen Beitrag von NZZ-Forma verfasst habe:


Eine kleine Geschichte des Ceinturons

I. Vom Leibgurt zum Ceinturon

Die Biographie des Ceinturons ist eine Leidensgeschichte. Kaum jemand in der Schweizer Armee musste sich im Laufe seiner Dienstzeit soviel anhängen lassen wie er. Es erblickte das Licht der Welt in den Kindertagen der Schweizer Armee. In einem zweiten Anlauf seit 1852 sollte mit der Ordonnanz 1861 die Streitmacht der Nation mit einheitlichen Uniformen, Waffen und Ausrüstungen versehen werden. Man wollte weg von den noch nachklingenden Vor-Bundeszeiten, als jeder Kanton seine Wehrmänner nach eigenem Gusto ausstaffierte.

Damals trug der Infanterist sein Bajonett, und gegebenenfalls den Säbel, an einem breiten Lederreimen über der einen Schulter, während die klobige Munitionstasche mit ihrem Tragriemen über die andere Schulter gehängt wurde. Dazu trug der Mann einen beengenden Frack, der wohl hübsch aussah aber für den Feldeinsatz das denkbar unbequemste war. Mit der Ordonnanz 1861 verschwand der Frack weitgehend, und man hängte dem Infanteristen das "Arbeitswerkzeug" nicht länger an Bandolierriemen über die belasteten Schultern. Nun kam der bequemere Waffenrock und die Stunde des Leibgurts schlug - dem Vater der Ceinturons.

Die zuständigen Stellen beriefen sich bei der Einführung des Gürtels auf die guten Erfahrungen der Österreicher in den Feldzügen in Oberitalien. Wie viele Teile dieser neuen Ausrüstungs- und Uniformordnung - genannt Ordonnanz 1861, hatte der Ceinturon also Paten in fremden Armeen. Der Typus mit S-Haken am Verschluss war schon bei der britischen Armee in Gebrauch. Nun durfte auch der Schweizer Wehrmann seine Munitions am Gurt um die Hüfte tragen, womit auch gleich eine andere Neuerung einherkam, die Gurtschlaufe am Waffenrock. Diese Waffenröcke hatten auf der linken und rechten Hüfte eingenähte Schlaufen die sich mit einem Knopf öffnen und schliessen liessen.

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Der Leibgurt mit S-Haken gemäss der Ordonnanz 1861


Dort fand der behängte Leibgurt Halt, wenn er unter dem Gewicht des angehängten Krempels abrutschte, oder wegen veränderter Körperfülle des Mannes drohte in niedere Regionen gedrängt zu werden. Unser Ceinturon erschien erst um 1868 auf der Bühne. Damals begann man mit der Ausgabe von neuartigen Leibgürteln, die eine schlichte Schnalle anstelle der S-Haken aus Messing aufwiesen. Auch war es mittels Löchern im Ledergurt nun einfach möglich den Gurtumfang zu verstellen. Dieser neue Gurt, damals noch aus geschwärztem Leder, wurde "Ceinturon" getauft. Schwer hing nunmehr die neue Vetterli-Patronentasche mit der neuartigen Hülsenmunition am Gurt.

Überhaupt war es immer ein unangenehmes Erlebnis, wenn der Ceinturon ungleichmässig mit grosser Last behängt wurde. Damals packte man noch die gesamte Gefechtsmunition in eine einzige Patronentasche, die dann als veritables Bleigewicht am Gurt hing. Den Gipfel erreichte diese Praxis mit der Einführung der provisorischen Patronentasche 91, die eigens für die neue Munition des Langgewehrs 1889 mit dem fortschrittlichen Geradezugverschluss geschaffen worden war. Wie eine schwangere Bergente wackelte nun der Wehrmann mit 66 Schuss Munition von 2,45 Kilo Gewicht am Bauchnabel einher. Mit der Ordonnanz 1898 änderte sich einmal mehr vieles.


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Der braun belassene schlichte Ceinturon der Ordonnanz 1898

II. Vereinfachungen des Ceinturons

Der Ceinturon wurde nun braun belassen und nicht mehr geschwärzt. Auch erhielt seine Schnalle eine kleine Metallrolle die das Verstellen des Ceinturons einfacher machte. Diese Rolle wurde bis nach dem zweiten Weltkrieg beibehalten, und fiel dann der Vereinfachung zum Opfer. Dafür verschwand beim Ceinturon von 1898 die Lederschlaufe, in die man bisher den überlappenden losen Gurtteil jenseits der geschlossenen Schnalle einfädelte. Nun zog man diesen Teil des Gurtriemens einfach durch die Schnalle hindurch und versteckte ihn auf der Rückseite des anderen Gurtendes. Ein Klassiker war geboren!

Auch erhielt der Ceinturon bald schon eine abstehende Metallspange am leeren Ende aufgenietet. Dies verhinderte, dass der Gurt beim Öffnen aus den Tragschlaufen der Patronentaschen flutschte. Man hatte übrigens mit der Ordonnanz 1898 die Munition, nun insgesamt 48 Schuss, auf zwei einzelne Patronentaschen links und rechts der Gurtschliesse verteilt. Im 20.Jh kamen mit zwei Weltkriegen viele neue Lasten einher, die man dem Ceinturon anhängte. Mit der Ordonnanz 1898 hatte er zwei Patronentaschen und den Frosch für das Bajonett zu tragen, oder bei anderen Waffengattungen das ungleich schwerere Faschinenmesser.

Damit die Last nicht zu sehr auf den Hüften hing, wurde der Gabeltragriemen eingeführt. Diesen richtig mit Ceinturon und Patronentaschen zu verbinden war eine eigene Kunst. Zusätzlich wurden die Stoffschlaufen am Waffenrock durch eingenähte Haken aus Metall ersetzt. Sie verhinderten, dass der Ceinturon davonwanderte oder schief hing, was die Augen der militärischen Vorgesetzten furchtbar beleidigt hätte. Nun ersannen findige Köpfe immer neues Material, welches dem armen Ceinturon angehängt wurde. Damit sich der Soldat jederzeit in die Erde buddeln konnte, bekam er einen kleinen Spaten.

Das Grabwerkzeug wurde bizarrerweise auf der selben Seite wie das Bajonett getragen, wohl damit ja keine gleichmässige Verteilung der Gewichts entstand. Zugleich gab es für ausgewählte Chargen auch kleine Pickelhauen und kleine Äxte, die ebenfalls am Ceinturon hingen. Auch die Futterale für Feldstecher und Pistolen hatten nebst Umhängeriemen zusätzliche Lederschlaufen zum einfädeln am Ceinturon. Der 1918 eingeführte Stahlhelm baumelte auf dem Marsch dann auch noch über der Patronentasche, womit noch mehr Gewicht am selben Lederriemen aufgehängt wurde.

Mit dem Leichten Maschinengewehr 1925 wurden dann noch zwei wuchtige lederne Magazintaschen via Schützenschultern am Gurtzeug befestigt, wobei die stählerne Mittelstütze in ihrem Lederfutteral am Ceinturon selber hing. Da auf der einen Seite schon Spaten und Bajonett waren, fand die Mittelstütze ihren Platz auf der anderen Seite, wo noch ein Metallhaken am Waffenrock frei war. Eine eigenes Kapitel war dann noch die "Rüsselgasmaske" in ihrer Umhängetasche. Sie war besonders kunstvoll zwischen Ceinturon, Gabeltragriemen, Spaten und Bajonett einzuschlaufen - mit einem Riemen unter und dem anderen über dem Ceinturon.


III. Vom gelochten Lederriemen bis zur Ausmusterung

Mit der Einführung des Kampfanzuges in der 60er Jahren wurde der Ceinturon entlastet. Da der ganze Hausrat nun in den vielen Kämpfertaschen verschwand, hin am Gurt nur noch das Bajonett für's Sturmgewehr, und gelegentlich noch Spezialistengerät oder ein Pistolenholster. Bald fiel auch die aufgenietete Metallspange weg, denn es gab keine Patronentaschen mehr. Auch die kleine Metallrolle an der Schliesse des Ceinturons wurde weggespart, wodurch der Gurt ein etwas schlichteres Gesicht erhielt. Er bestand nun nur noch aus einem gelochten Lederriemen und einer Schliesse mit beweglichem Dorn.

In solch demütiger Einfachheit ging der Ceinturon nach über 120 Jahren seinem Ende entgegen. Die in den 1990er Jahren eingeführte Kampfausrüstung des Schweizer Wehrmannes verbannte das Leder weitgehend, und der Ceinturon wurde durch einen seelenlosen Gurt aus künstlichen Textlien ersetzt. Vorbei sind die Zeiten, als der hellbraune dachlattensteife Ceinturon dem frischgebackenen Rekruten in der Materialkammer prüfend um die Hüfte geschlungen wurde. Wenn sich der helle Gurt dann langsam in einem rötlichen Braun und schliesslich in einem undefinierbaren Dunkelbraun zeigte, dann legte er Zeugnis von den vielen Diensttagen seines Trägers ab.

Von verändertem Bauchumfang berichtete der verräterische Ceinturon ebenfalls. Metallisch-dunkle Striche im Leder, von der Schliesse herrührend, verrieten je nach intensität der Einprägung, wie lange der Mann auf einer Gewichtsstufe verharrt hatte, bevor er nochmals zulegte. Bald fiel auch die aufgenietete Metallspange weg, denn es gab keine Patronentaschen mehr. Auch die kleine Metallrolle an der Schliesse des Ceinturons wurde weggespart, wodurch der Gurt ein etwas schlichteres Gesicht erhielt. Er bestand nun nur noch aus einem gelochten Lederriemen und einer Schliesse mit beweglichem Dorn.
Die Welt ist eine Bühne, aber das Stück ist schlecht besetzt. (Oscar Wilde)
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Beitragvon Traingelo am Di 23 Okt, 2007 06:33

Lieber amos

in Ergänzung und Zusammenfassung des sehr ausführlichen Beitrages von troupier suisse kann gesagt werden, dass von 1817 bis 1852 die schönsten und die vielseitigsten Gurtschnallen (Koppelschlösser) zu finden sind. Es handelt sich dabei um Schnallen mit Kantonswappen, Allegorien, Waffengattungssymbolen und lateinischen Sinnsprüchen, welche die kantonale Militärhoheit optisch unterstrichen haben. Meist aus Messing gegossen und die Offiziersausführungen vergoldet.
Ab 1852 finden wir noch die Gürtel der Spezialwaffen mit den Doppelschnallen (wie auf Deinem Bild mit den Offizieren), hier finden sich Löwenköpfe (Kavallerie, Generalstab), gekreuzte Kanonenrohre (Artillerie), gekreuzte Stutzer (Scharfschützen), gekreuzte Aexte (Sappeure), Anker und Tau (Pontoniere) und zuweilen auch ein Medusenhaupt für Ärzte. Ab 1869 werden vorübergehend die Gürtel unter dem Rock getragen und sind deshalb nicht mehr so üppig gestaltet.
Im 20. Jahrhundert finden wir ab 1940 in ähnlicher Art (runde Doppelschnallen) die Ausgangsgürtel für Offiziere in vergoldeter und versilberter Ausführung. Die Soldaten mussten seit 1869 mit einfachen Schnallen mit Dorn auskommen.
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